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Corona und Kalkulation in der Tierheilpraxis

Corona und Kalkulation in der Tierheilpraxis

Posted by tw-Schule in Berufskunde, Sonja-Tschoepe 27 Dez 2020

Sonja Tschöpe

Corona und Kalkulation in der Tierheilpraxis

Liebhaberei oder davon leben?

Corona – ein Begriff, der uns wohl so ziemlich aus dem Halse heraushängt. Was aber hat Corona mit Kalkulation zu tun und beides mit der eigenen Praxis als tierisch Tätiger? Ziemlich viel! Denn in der Krise der Pandemie zeigte sich in 2020 bei so einigen ambitionierten Kolleg/innen, wo es weiterging und wo eben nicht. Wenn du dich nun noch immer fragst, was das bedeutet, hier ein kleines Beispiel:

Panik bei Pia

Pia ist 35. Seit 3 Jahren ist sie mit der Ausbildung zum Tierheilpraktiker fertig. Seitdem geht sie ihrem Traum nebenberuflich nach, während sie in Vollzeit für ein mittelständisches Unternehmen 40 Std.  pro Woche arbeitet. Ihre Praxis lief 2019 gut. Sie hat jedoch auch nochmal ihre Preise überarbeitet. Viele im Umkreis (und davon gibt es ja doch so einige) sind deutlich teurer. Deshalb reduzierte sie. Und dann kam Corona. Sie war eine der ersten, die von ihrem Chef in die Kurzarbeit geschickt wurde. Mittlerweile ist jedoch die Firma zu. Sie ist arbeitslos. Die Kunden ihrer Tierheilpraxis sind noch da. Doch von den Einkünften kann kein Mensch leben. Wie soll man da überleben? Tja, Pech Pia!

Preiskalkulation hat nix mit Nebenbei zu tun!

Pia hat aufs falsche Pferd gesetzt und ist damit nicht alleine. Die meisten teilselbständigen erkennt man an unterirdischen Preisen. Sorry, aber für 20 Euro kann man keinen vernünftigen Therapieplan inklusive einer Erstanamnese, womöglich noch Anfahrt zum Patienten usw. erwarten. Und selbst wenn man einen vernünftigen Plan bekommt, dann lebt diese Person sicherlich nicht (!) von diesen Einnahmen. Sie sind vielleicht ein schönes Topic zum Grundeinkommen, aber kein Lebensunterhalt. Das mag ja als Nebenbei-Berufung „nett“ sein. Doch was ist, wenn man wie Pia plötzlich vor dem Nichts steht? Preise drastisch erhöhen? Ist selten erfolgsversprechend und wie erklärt man das den Stammkunden?

Das Thema Preise ist jedoch ein echtes Bauchweh-Thema. Ich selbst kenne das. Auch ich habe kurz nach der Ausbildung erstmal „klein“ angefangen. Ich war ziemlich schüchtern und dachte mir, ich könne ja nicht hochpreisig starten, so als Neuling. Ein echter Klassiker, der sich in über 10 Jahren nicht verändert hat. Zwar steht bei manchen Ausbildungsinstituten das Thema Preisgestaltung auf dem Lehrplan. Doch solange man in der Sicherheit eines regelmäßigen Einkommens steckt und es auch sinnvoll findet deutlich unter den umliegenden Mitbewerbern zu liegen, gerät so ein wertvolles Fach schnell in Vergessenheit. Man meint es besser zu wissen.


Ein tierischer Beruf ist eine Selbständigkeit, die egal wie man diese ausübt auf eine vernünftige kaufmännische Grundlage von Beginn an gesetzt werden sollte. Nicht nur für sich, sondern auch für mögliche Zukunftsszenarien, wie sie in 2020 durch Corona passieren konnten. „Aber dann bucht mich doch keiner mehr!“ Ja, das war auch meine Ausrede Nummer 1. „Hier auf dem Land zahlt man das nicht.“ Auch diesen Satz habe ich selbst genutzt. Beides völliger Nonsens.

Was nichts kostet, ist nichts wert.

Mein wichtigster Satz wurde genau dieser Titel! Was „umsonst“ ist, ist umsonst! Was kostspielig ist, muss das nicht unbedingt an Wert haben. Deshalb sollte man von Beginn an mit vernünftigen Preisen starten und auf eine kaufmännische Preiskalkulation setzen. Buchhaltung ist öde, aber wer sich mit seinen Zahlen nicht auseinandersetzt, wird nie ein vernünftiges Geschäft besitzen. Und zur Preisgestaltung gehört eben zu vergleichen, wie viel Zeit „kostet“ etwas und was muss ich einnehmen, damit es sich auch ohne Nebeneinkommen lohnt?


Sicherlich kann es ganz nett sein, mal zu gucken was die Mitbewerber/innen im Umkreis von x km so verlangen. Doch ist das der Maßstab? Wer gab oder gibt das vor? Als ich nach meiner Ausbildung zur Tierernährungsberaterin loslegte, habe ich hochgepokert. Mir war von Beginn an klar, dass ich keine Lust hatte einen Ernährungsplan für 40 Euro auf den Tisch zu legen, hinter dem insgesamt (mindestens) 2-4 Stunden Arbeit liegen. Also setzte ich das Doppelte an für den gesunden, adulten Hund und ging entsprechend höher bei kranken Tieren. Natürlich hatte ich Zweifel, ob man mich überhaupt buchen würde. Doch genau das passierte! Ich bekam die ersten Aufträge.

Das Resümee

Mit Tieren zu arbeiten ist ein toller Beruf. Doch es gehört mehr als eine solide Ausbildung dazu, langfristig mit Spaß dabei zu bleiben. Und wenn Du darin arbeiten magst, brauchst Du Geduld und Durchhaltevermögen. Denn trotz scheinbarer Online-Tricks und Kniffe im Social Media ist noch kein tierisch Tätiger von heut auf morgen zum Millionär geworden.

Ein Artikel von Sonja Tschöpe

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